Die Nachrichten unserer Zeit sind geprägt von Pessimismus und zwar nicht nur in einem Jahr von Kriegen oder wichtigen Wahlen. Die negativen Schlagzeilen dominieren Jahr für Jahr. Auch unsere Gespräche fokussieren sich auf alles was schief läuft und sich in die falsche Richtung entwickelt. Es entsteht der Eindruck, dass wir in einer grausamen Welt leben. Dabei übersehen wir all das Wunderbare und Beeindruckende, was unsere Welt uns bietet. Doch warum ist das so? Warum ist unser Alltag geprägt von Pessimismus?
In diesem Artikel geht es um die Frage, warum Pessimismus so verführerisch ist und leider auch sehr smart klingt.
Fortschritt ist langsam, Katastrophen sind schnell
Einer der Gründe für den dominierenden Pessimismus liegt in der Natur und weniger daran, wie wir die Informationen präsentiert bekommen. Katastrophen passieren schnell und unerwartet.
Fortschritt hingegen passiert langsam, Schritt für Schritt. Folglich realisieren wir gar nicht, wie weit wir in 5, 10 oder 20 Jahren kommen.
Wir erinnern uns alle an die großen Krisen, Naturkatastrophen oder Terror-Anschläge. Niemand realisiert, was sich unabhängig davon alles verbessert.
Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung bei einer der häufigsten Todesursachen, dem Herzinfarkt. Seit den 1960ern sind die Sterbefälle in Relation zur Bevölkerung um über 70% (!) gesunken. Das ist nicht mal ein sonderlich langer Zeitraum.
Selbst wenn es ein geliebter Mensch 1965 bis ins Krankenhaus geschafft hätte, hätte er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Wenn das hingegen heute passiert, stehen die Chancen sehr gut, dass er sein Leben weiter leben darf.
Eine komplett andere Welt mit neuen Technologien, besserer Forschung und besserer Medikation. Weltweit wurden dadurch Millionen Menschenleben gerettet und höchstwahrscheinlich auch ein geliebter Mensch in deinem Umfeld.
Doch wie oft hören wir Statistiken wie diese? Wie oft sind Geschichten wie diese in den Nachrichten? Wie oft reden wir privat über solch positive Entwicklungen?
Die Rate an Analphabeten, die Kindersterblichkeit, die Zahl an Mädchen ohne Bildung, etc. all das geht zurück. Großartig! Es wäre ein Grund zu feiern, doch wir hören nicht mal davon. Denn wen interessiert schon die Meinung eines Optimisten, wenn wir so viele Probleme auf der Welt haben?
Es gibt nun mal kein einschneidendes Erlebnis, das die Alphabetisierung der Menschen schlagartig verbessert oder die globale Stromversorgung über Nacht ausbaut. Die positive Entwicklung passiert Tag für Tag, in winzigen Schritten (lies dazu auch: “Winzige Veränderungen, außergewöhnliche Ergebnisse”).
Das spiegelt sich auch in meiner Arbeit als Portfoliomanager wider. Finanzkrisen oder Crashes am Aktienmarkt passieren in wenigen Wochen und bleiben uns in Erinnerung. Der Aufschwung, den wir in der Zeit zwischen diesen Krisen erleben, geht völlig an uns vorbei.
Was ist schon eine Verbesserung von einem halben Prozent pro Monat? Das Wachstum fällt uns nicht auf, da es in kleinen Schritten passiert. Doch über die Zeit führt genau das zu großartigen Ergebnissen.
Ein Grund für Pessimismus ist also: Fortschritt passiert zu langsam, um ihn wahrzunehmen. Rückschläge hingegen passieren zu schnell, um sie zu ignorieren.
Pessimismus klingt nach Hilfe
Leider weiß ich nicht mehr, wo ich folgenden Satz aufgeschnappt habe. Doch er ist mir in Erinnerung geblieben:
Ein Optimist klingt immer, als würde er dir etwas verkaufen wollen und der Pessimist klingt immer, als würde er dir helfen wollen.
Der Grund dafür ist einleuchtend. Ein Pessimist erklärt uns die negativen Entwicklungen und zeigt uns somit, wovor wir uns fürchten und schützen müssen. Er warnt uns. Leider wird nie nachgefragt, ob diese negativen Ereignisse tatsächlich eingetroffen sind.
Auch das spiegelt sich in der Finanz-Branche wider. Es sind die Crash-Propheten und Super-Bären, die all die Aufmerksamkeit bekommen.
Sie erklären jedes Jahr, warum gerade jetzt ein schlechter Zeitpunkt ist zu investieren und warum genau jetzt die Wirtschaft am Abgrund steht. Leider präsentieren das eloquent und mit durchaus richtigen Argumenten – allerdings zu pessimistisch.
Wenn man jedes Jahr den Börsen-Crash prognostiziert, wird man unweigerlich irgendwann Recht bekommen. Ganz nach dem Motto: auch eine kaputte Uhr ist zwei mal am Tag richtig.
Pessimismus klingt smart
Die Ökonomin und Historikerin Deirdre McCloskey schrieb 2014: “For reasons I have never understood, people like to hear that the world is going to hell”.
Genau deshalb erzählen uns so viele Experten, was alles schieflaufen wird.
Pessimismus tendiert dazu schlau und überlegt zu klingen. Wenn wir einen Fehler im System feststellen, müssen wir uns ja wohl Gedanken gemacht haben.
Wenn wir hingegen positive Aspekte und Entwicklungen aufzeigen, klingen wir naiv, als ob wir die Probleme der Welt nicht verstehen.
Eine Harvard Studie hat gezeigt, dass jene Personen, die negative Buchrezensionen schreiben, smarter und kompetenter wahrgenommen werden als diejenigen, die positive Rezensionen zum selben Buch schreiben.
Wir hören einem Pessimisten zu und denken uns, wow, genau so ist es! Diese Person hat verstanden worum es geht. Sie lebt am Puls der Zeit.
Wenn diese Person für die negativen Aussagen auch noch Anerkennung erhält, verstärkt sich dieser negative Fokus.
Das ist denke ich auch ein Mitgrund, warum speziell intellektuelle Menschen häufig pessimistisch werden, was ich enorm schade finde. Sie sind belesen genug, um Fehler im System zu identifizieren und werden dafür immer und immer wieder gelobt. So verinnerlichen sie den Pessimismus.
Sie sind der Meinung, dass man, wenn man erst einmal versteht, was in der Welt passiert, nur noch pessimistisch sein kann. Doch das ist völliger Schwachsinn. Es liegt einzig daran, dass sie sich darauf fokussieren.
Sie suchen den Fehler und werden auch fündig. Würden sie nach Chancen und Lösungen suchen, würden sie wohl ebenfalls fündig. Doch das würde bedeuten, tatsächlich etwas verändern und unangenehmen Gespräche führen zu müssen.
Das ist aber absolut keine Neuheit unserer modernen Welt. John Stuart Mill hat bereits vor 150 Jahren geschrieben: Es ist nicht der Mann, der hofft, wenn andere verzweifeln, sondern der Mann, der verzweifelt während andere hoffen, der als Weiser bewundert wird.
Gesunder Optimismus
Optimismus ist die simple Idee, dass die meisten von uns am Morgen aufstehen und versuchen, Dinge zu verbessern und produktiver zu gestalten. Kaum jemand steht in der Früh auf, um bewusst Schwierigkeiten zu schaffen und andere zu belästigen.
Genau diese Überzeugung ist Optimismus. Es ist nicht so kompliziert.
Selbstverständlich werden wir immer wieder Menschen begegnen, die uns vom Gegenteil überzeugen. Doch wegen ein paar Wenigen, können wir nicht unsere gesamte Lebensanschauung negativ ausrichten.
Auch ohne Garantie, dass Menschen gute Absichten verfolgen, ist Optimismus für die meisten von uns die vernünftigste Lebenseinstellung.
Optimismus heißt nicht zu glauben, dass alles in unserem Leben oder auf der Welt gut ist. Das wäre Naivität. Optimismus ist vielmehr der Glaube daran, dass die Chancen für positive Resultate, langfristig gut für uns stehen, auch wenn es am Weg dorthin unweigerlich Rückschläge, Probleme und Herausforderungen geben wird.
Diese Einstellung ist so wichtig. Denn ohne den Glauben daran, die Welt positiv verändern zu können, werden wir niemals anfangen.
Wenn wir uns selbst einreden, dass unsere Welt und die Menschen böse sind, werden wir Bestätigungen dafür finden. Wir konzentrieren uns auf das Negative.
Das selbe gilt hingegen auch, wenn wir daran glauben, dass Menschen grundlegend gut sind. Wir fangen an anderen zu helfen und schrecken nicht davor zurück auch selbst um Hilfe zu bitten. Plötzlich merken wir, dass der Großteil der Menschheit offen, freundlich und warmherzig ist.
Dabei handelt es sich um etwas, das gelernt werden kann. Schritt für Schritt müssen wir versuchen uns mehr auf die positiven Dinge unseres Lebens zu fokussieren.
Haben wir diese Denkweise erst mal verinnerlicht, sind wir immer auf der Suche nach positiven Aspekten, selbst wenn es mal nicht nach Plan läuft. Wir sind dankbar für die Beziehungen mit unseren Mitmenschen und für alles, was wir erleben dürfen.
Die Einstellung mit der du durchs Leben gehst ist einer der einflussreichsten Faktoren für deine Lebensfreude. Versuche sie also positiv auszurichten, selbst wenn dich die Gesellschaft dafür anfangs nicht belohnt. Denn mittelfristig wirst du glücklicher und zufriedener, weshalb Menschen gerne Zeit mit dir verbringen.
Sei ein Optimist in einer Welt voll von Pessimismus.
Viele der Ideen aus diesem Artikel stammen von der Podcast Folge “Why Pessimism Sounds So Smart” – The Morgan Housel Podcast, die ich sehr empfehlen kann: zur Podcastfolge.
Buchempfehlung
Factfulness – Hans Rosling
Das Richtige tun, genau jetzt – Ryan Holiday
Abschließend noch ein Zitat aus dem Buch “Right Thing, Right Now” von Ryan Holiday:
„We should try to see every person we meet as an opportunity for kindness.“
Hier eine Bücherliste, falls du auf der Suche nach neuen Büchern bist. Wenn du noch nie Hörbücher probiert hast, kann ich dir das Probeabo von Audible empfehlen. Kostet nichts, ist jederzeit kündbar und du kannst dir das Buch auch nachher noch behalten.
Über deine Anmeldung zum Newsletter würde ich mich enorm freuen.